Lässt sich das Leben verlängern?

Es gibt verschiedene Theorien, die die Verheerungen des Alterns erklären wollen. Einige proklamieren Lebenszeit-beschränkende Gene. Stellte man diese Gene ab, so könnte das Individuum ewig weiterleben (Zwilling 2007). Während es solche Altersgene bei kurzlebigen Species wahrscheinlich gibt — denken Sie an Mäuse mit einer Lebensspanne von 27 Monaten, oder an die Eintagsfliege — ist das bei langlebigen Species ausgeschlossen.

Was beim Menschen die Altersphänomene und seine typischen Leiden wie Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen hervorruft, sind Schäden an der genetischen Materie einzelner Zellen (Aneuploidie), welche die Erfüllung der gewebsspezifischen Zellfunktionen zunehmend erschweren. Aneuploide Zellen verhalten sich zunehmend wie freilebende Einzeller, — sie sind nur noch um den Erhalt ihrer Selbst bemüht, verlustig jeder Erinnerung an ihre eigentliche Funktion für den sie ernährenden Leib. In seltenen Fällen, „etwa so häufig wie sechs Richtige im Lotto“, gelingt es aneuploiden Zellen sich schneller zu vermehren als ihre gesunden Stammzellen, und es resultiert zu aller bereits bestehenden Unordnung noch ein Tumor (eine Krebsgeschwulst).

Die Hauptschuld an der Verursachung von Aneuploidie wird den Sauerstoff-Radikalen angelastet (Fridovich 2004; Balaban et al. 2005), deren Entstehung bisher allein durch Hungerdiäten (kalorische Restriktion) wirksam reduziert werden kann; das führt im Tierversuch zu einer universalen Lebensverlängerung von 40% der durchschnittlichen Lebensspanne (Pamplona et al. 2002; Merry 2004; Partridge et al. 2005), und wurde von McCay und Mitarbeitern 1935 zum ersten Mal beschrieben. Hungern verursacht beim Menschen Depressionen, und ist kein sinnvoller Weg zur Verlängerung gesunder menschlicher Existenz.

Der Einsatz von Radikalfängern (in konventionellen antiaging Produkten) ist bisher leider erfolglos geblieben, um das Leben zu verlängern, oder um die Entstehung von Alterskrankheiten zu verhindern. Radikalfänger aus Obst und den „gelben und grünen Gemüsen“ (Ames 1983) wie Ascorbinsäure, Carotin, Tocopherol, Ubichinon, Resveratrol — aber auch körpereigene Verbindungen wie Harnsäure und Melatonin — tun nichts zu einer Stärkung der Vitalität. Die enttäuschenden Ergebnisse umfangreicher klinischer Untersuchungen mit   diesen Radikalfängern haben die logische Einsicht bestätigt, dass es allemal besser ist die Radikale garnicht erst entstehen zu lassen, als sie im nachhinein abzufangen.

Daß die Entstehung der Radikale verhindert werden kann, ergibt sich aus dem Mechanismus ihrer endogenen Bildung, der großenteils darauf beruht, daß der molekulare Atmungsprozeß in den Cristaemembranen der zelleigenen Mitochondrien kurzgeschlossen wird, und zwar durch lipophile Verzerrung der Membranstruktur (Mitchell 1961; Nohl et al. 1996; Garbe & Yukawa 2001; Garbe 2004). Dadurch werden an Stelle des finalen Atmungsproduktes Wasser toxische Zwischenprodukte der Atmung erzeugt, — Oxidantien wie Superoxid-Radikal und Wasserstoffperoxid, kurz: die freien Radikale.

Versuche, freie Radikale nicht abzufangen sondern am Entstehen zu hindern, existieren in der allopathischen Arzneimittelpraxis, und zwar in dem expliziten Versuch, Blutfettwerte zu erniedrigen. Aus der Senkung der Blutfettwerte resultiert eine veränderte Zusammensetzung der Membranen, die wesentlich aus Fetten (Lipiden) bestehen. Membranen fungieren als integrale Apparatur der Zellatmung. Sowohl Membranen von langlebigen Tierarten, wie Membranen von experimentell durch kalorische Reduktion langlebig-gemachten Tieren, zeichnen sich aus durch einen höheren Gehalt an gesättigten Fettsäuren (Pamplona et al. 2002; Merry 2002). Das bewirkt in experimentell isolierten Mitochondrien von diesen Tieren einen geringeren Grad der Erzeugung von Sauerstoff-Radikalen (Sohal et al. 1990; 1995; Herrero et al. 2001). Die Lobpreisung mehrfach-ungesättigter Fette und Öle durch Nahrungsmittelkonzerne und Regierungsapparate – wie auch deren Verteufelung von gesättigten Fetten — ist deshalb unschlüssig und als pure Propaganda zu bewerten.

Die pharmazeutischen Ansätze zur Manipulation des Lipid-Stoffwechsels beruhen im wesentlichen auf zwei Substanzklassen: den Peroxisomen-Proliferatoren und den Statinen. Die länger bekannten Peroxisomen-Proliferatoren umfassen die Salicylsäure in Form von Aspirin sowie die synthetischen Fibrinsäuren, die als Bezafibrat, Cedur, Hyperlipen, Lipanthyl, Gevilon usw vermarktet werden. Alle diese Produkte wirken mittelbar und haben daher Nebenwirkungen. Nebenwirkungen lassen sich auch von der klinischen Erfahrung ableiten, dass diese Verbindungen zwar die Blutfettwerte wirksam erniedrigen, aber im Gegensatz zu kalorischer Restriktion das Leben nicht verlängern (Jackson et al. 2001).

Eine, möglicherweise die positive Wirkung der Peroxisomen-Proliferatoren beruht auf der Induktion von Cytochrom-Oxidasen (Johnson et al. 2002); diese Enzyme bewirken die Erzeugung von omega-nahen Hydroxyfettsäuren (Stresslipiden). Da die Peroxisomen-Proliferatoren sogar in Bakterien die Erzeugung solcher Fettsäuren induzieren, scheint die Funktion der Hydroxyfettsäuren keineswegs katabolischer Natur zu sein (Johnson et al. 2002), sondern darin zu liegen, daß sie die von Verzerrung ergriffenen Membranen stabilisieren (Garbe 2004). Insofern erfüllen diese induzierbaren Lipide eine Schutzfunktion und rechtfertigen damit ihre Klassifizierung als Stress-Lipide, analog den seit längerem bekannten Stress-Proteinen (z.B. Hitzschock-Proteine, Katalase, Alkylhydroperoxid-Reduktase, Superoxid-Dismutase).

Eine direkte Beeinflussung der Membranlipide geschieht offensichtlich durch die Wahl der Nahrung. Die uralten Speisefette Butter, Schweineschmalz und Rindertalg werden seit dem Ersten Weltkrieg denunziert, um sie durch die „ach-so-herzgesunden“ hoch-ungesättigten Öle und gehärteten Fette (trans-Fettsäuren und unnatürliche cis-Fettsäuren) zu ersetzen. Diese Fettprodukte hatte es vorher nicht gegeben, da niemand zuvor Öl aus Samen gepresst hatte, um eine Industrie darauf zu gründen. Die Massenphänomene Bluthochdruck und Herzinfarkt traten, unglaublich wie es heute klingt, erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts auf und gelten als Folge dieser veränderten Ernährung.

Auch der Konsum von Zucker ist schädlich für den Lipid-Metabolismus und sollte schon allein deshalb strikt abgestellt werden. Und natürlich auch der Alkohol! Wenn Sie das Gefühl haben, zuviel Alkohol zu trinken, und immer wieder mal einen schweren Kater erleiden, dann erwägen Sie die ganz einfache und wirklich befreiende Möglichkeit, dieses gefährliche Experimentieren mit Alkohol strikt einzustellen, nicht nur für Tage, Wochen oder Monate, sondern für den Rest Ihres Lebens.

Mit einer gesunden Ernährung, die aber im Widerspruch zur geschätzten Kochbuchautorin Barbara Rütting (2004) keineswegs vegetarisch sein muß und auch nicht sein sollte (Price Stiftung, 2005), sind wir aber erst da, wo die durch kalorische Restriktion möglichen 40% Lebensverlängerung beginnen. Um diese beim Menschen etwa dreißig zusätzlichen Lebensjahre zu realisieren, müssen wir etwas Neues unserem Leib zuführen. Nach dem oben ausgeführten Zusammenhang von endogenen Oxidantien, Lipid-Membranen, kalorischer Restriktion und Stresslipiden bieten sich letztere quasi von selbst an als Mittel zur Verhinderung von endogenen Oxidantien.

Literatur

Ames BN (1983) Dietary carcinogens and anticarcinogens. Science 221: 1256-1264

Balaban RS, Nemoto S, Finkel T (2005) Mitochondria, oxidants, and aging. Cell 120: 483–495

Fridovich I (2004) Mitochondria: are they the seat of senescence? Aging Cell 3:13–16

Garbe TR (2007) Verfahren zur Unterdrückung endogener Oxidantien durch Stabilisierung mitochondrialer Membranen in der Behandlung aller Alterungsphänomene. Deutsche Patent-Offenlegungsschrift DE102006002164A1

Garbe TR (2004) Co-induction of methyltransferase Rv0560c by naphthoquinones and fibric acids suggests attenuation of isoprenoid quinone-action in Mycobacterium tuberculosis. Can J Microbiol 50: 771-778

Garbe TR, Yukawa H (2001) Common solvent toxicity: autoxidation of respiratory redox-cyclers enforced by membrane derangement. Z Naturforsch 56c: 483-491

Garbe TR, Kobayashi M, Yukawa H (2000) Indole-inducible proteins in bacteria suggest membrane and oxidant toxicity. Arch Microbiol 173: 78-82

Herrero A, Portero-Otín M, Bellmunt MJ, Pamplona R, Barja G (2001) Effect of the degree of fatty acid unsaturation of rat heart mitochondria on their rates of H2O2 production and lipid and protein oxidative damage. Mech Ageing Dev 122:427-443

Jackson PR et al. (2001) Statins for primary prevention: at what coronary risk is safety assured? Brit J Pharmacol 52:439-446

Johnson EF, Hsu M-H, Savas U, Griffin KJ (2002) Regulation of P450 4A expression by peroxisome proliferator activated receptors. Toxicology 181–182:203–206

McCay CM, Crowell MF, Maynard LA (1935) The effect of retarded growth upon the length of lifespan and upon the ultimate body size. J Nutr 10:63-79

Merry BJ (2002) Molecular mechanisms linking calorie restriction and longevity. Int J Biochem Cell Biol 34:1340-1354

Mitchell P (1961) Coupling of phosphorylation to electron and hydrogen transfer by a chemi-osmotic type of mechanism. Nature 191:144-148

Pamplona R, Barja G, Portero-Otín M (2002) Membrane fatty acid unsaturation, protection against oxidative stress, and maximum life span: a homeoviscous-longevity adaptation? Ann N Y Acad Sci 959:475-490

Partridge L, Piper MD, Mair W (2005) Dietary restriction in Drosophila. Mech Ageing Dev 126:938-950

Price Stiftung (2005) Die Weston A Price Stiftung, Internet

Rütting B (2004) Essen wir uns gesund. Mosaik bei Goldmann, München

Sohal RS, Svensson I, Brunk UT (1990) Hydrogen peroxide production by liver mitochondria in different species. Mech Ageing Dev 53:209-215

Sohal RS, Sohal BH, Orr WC (1995) Mitochondrial superoxide and hydrogen peroxide generation, protein oxidative damage and longevity in different species of flies. Free Radical Biol Med 19:499–504

Ueda I, Yoshida T (1999) Hydration of lipid membranes and the action mechanism of anaesthetics and alcohols. Chem Phys Lipids 101:65-79

Zwilling R (2007) Das Rätsel der Alterung. Biol Unserer Zeit 37:156-163

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Atmung, Respiration, entzündungshemmend